Der Name R.L. Stine dürfte so ziemlich jedem ein Begriff sein. Schließlich sorgte der Autor mit seiner erfolgreichen Kinderbuchreihe »Gänsehaut« nicht nur für gruseligen Lesespaß, sondern auch für eine der kultigsten Shows der 90er. Im englischen unter »Goosebumps« bekannt, schaffte es auf Anhieb an die Spitze der Verkaufscharts und konnte über die Jahre ca. 100 Bände zählen. Bis Heute wurden weltweit ca. 400 Millionen Bücher in 32 Sprachen verkauft, womit die Kinderbuchreihe fast an die Erfolge von Harry Potter heranreicht. Auch ich war damals begeisterter Leser und würde behaupten, dass diese Romanreihe und seine “unheimliche” Fernsehserie mich schon als Kleinkind zu diesem großen Horrorfan werden ließ, der ich später geworden bin. Tatsächlich war Gänsehaut aber nicht das Erstlingswerk des kreativen Schöpfers. Schon 1986 veröffentlichte der Schriftsteller seine Jugendbuchreihe »Fear Street«, deren Geschichten im amerikanischen Vorort Shadyside spielen und von Jugendlichen handeln, die in verzwickte Horror/Thriller und Kriminalgeschichten verwickelt werden. Während die charmante Gänsehaut Show inzwischen als Comedy-Act mit Jack Black neuverfilmt wurde, soll nun auch »Fear Street« in die großen (oder kleinen) Filmfußstapfen treten.

Mit »Fear Street« feiert dabei eine sehr spezielle Filmreihe ihre Premiere auf Netflix. Denn ursprünglich war das, drei Teile umfassende, Filmkonzept als Kinotrilogie geplant, die dann im monatlichen Abstand erscheinen sollte. Aufgrund der Corona-Pandemie ließ sich der Plan logischerweise nicht so leicht umsetzen, weshalb sich Netflix schon im Sommer 2020 die weltweiten Ausstrahlungsrechte sicherte. Fast ein Jahr später erscheint nun also der erste Teil von Fear Street im Stream und soll als wöchentlicher Event neue Zuschauer locken. Wie es der Untertitel schon vermuten lässt, startet das außergewöhnliche Storykonzept natürlich im beschaulichen Jahre 1994!

Basierend auf den populären Beststellern folgt die Trilogie in drei verschiedenen Zeitlinien die Ereignisse im Ort Shadyside, wo die dort ansässigen Teenager mit mysteriösen Ereignissen konfrontiert werden. Damit Fans der Buchreihe und Filmfreaks gleichermaßen angesprochen werden setzt die Geschichte stark auf die nostalgischen Gefühle der Zuschauer. »Fear Street – Teil 1:1994« ist voll gespickt von Verweisen auf die 90er Popkultur und Horrorklassiker. Der Soundtrack rotzt dir knackigen Garage-Rock um die Ohren (Radiohead, Nine Inch Nails, Pixies) und passt damit zu jeder Szene, auch wenn es die Filmcrew mit der zeitlichen Veröffentlichung nicht allzu genau nimmt (Stichwort, Lieder nach 1994). Fans von Scream werden sich nicht nur deshalb heimisch fühlen. Denn schon der Auftakt zeigt sich als spektakuläre Hommage an das Original »Scream« mit Neve Campbell.

Der erste Filmmord ist darum fast schon eine originalgetreue Nachbildung, inklusive der Entfernung der Maske. Anders als Scream schockiert Fear Street hier aber mit einer unerwarteten Wendung. Wir Zuschauer erhalten tatsächlich einen Blick auf das Gesicht des Killers! Damit überrascht man wahrscheinlich jeden Horrorfan, der diese klassische Szene schon als 1:1 Kopie abstempelt. Die Ähnlichkeiten zu Wes Craven’s Horrorschiene werden fast überall deutlich. Denn im Gegensatz zu konventionellen Slasher-Movies ändert sich die Ausrichtung gewaltig, als thematisch schnell mystische Hintergründe dominieren. Mit der Einführung dieses übernatürlichen Elements zerrt man die Geschichte in eine gänzlich andere Richtung, um sich auch dort wieder überall im Horrorsektor zu bedienen.

Ein bestimmendes Thema in Wes Cravens Filmarbeiten war jeher auch der starke weibliche Hautpart. Während viele Horrorfilme ihrer Zeit die Final Girls trotzdem nur als 08/15 Mauerblümchen darstellten, waren Sidney Prescott (Scream) und Nancy Thompson (Nightmare on Elm Street) von kämpferischer Natur und besaßen authentische Persönlichkeiten. Daran hält man auch in Fear Street – Teil 1:1994 fest. Jede Figur des Filmcasts hat zwar seine Eigenheiten und weiß sich zu wehren, doch deutlich hervor stechen die beiden vielschichtigen Hauptcharaktere Deena und Sam. Im Verlauf der Geschichte wildert man dann nahezu in jedem Horrorfilm und lässt manchmal geschickt, manchmal aber auch eher plump die vielen Horror- und popkulturelle Referenzen aufblitzen. Das mag teilweise auch mal überzogen sein und lässt den roten Pfaden missen, doch zieht man sich meist kurz vorher wieder zurück ans rettende Ufer. Damit ehrt man zugleich die Romanreihe, als auch Legenden des Genres. Geschichtlich hat man trotzdem so seine Schwierigkeiten ein passendes Pacing zu finden. Stimmungsvolle Szenen, die zu den großen des Genres aufschließen, mischen sich mit trägen Jugendgeschichten, die oft auf der Stelle treten.

Der Auftakt im Einkaufszentrum gehört stilistisch wohl zum Besten, was ich seit Jahren im Slasher- Kino vorgesetzt bekommen habe. Die Flucht vor dem bedrohlichen Maskenkillers, die durch die vielen Lichteffekte und dominierenden Sounds zu einem dynamischen Katz- und Maus Horrorspiel führt, ist Slasherkino in Perfektion und erzeugt dasselbe unheimliche Gefühl wie einst bei Ghostface! Schade nur, dass dem Film die übernatürliche Note oft zum Verhängnis wird. Trotzdem überzeugt das Gesamtkonzept. Denn die Autoren legen offenbar großen Wert darauf ihre Figuren authentisch zu zeichnen und den übergeordneten Schrecken plausibel durch die Bewohner und historische Hintergründe zu erklären. Ist euch übrigens aufgefallen, dass die Opening- Sequenz im Einkaufszentrum visuell in dieselben Farbnuancen gehüllt wurde, wie das Key-Visual / Poster, das wiederum an alte Buchcover der Gänsehaut Reihe erinnern? Das ist doch sicherlich kein Zufall.

Die Alterseinstufung ab 18 Jahren hat Fear Street überdies auch vollkommen zurecht. Auch wenn zeitweise ein langsames Erzähltempo die blutigen Slasherszenen versteckt, wird besonders zum Finale hin ein ordentliches Gewalt- und Blutbad angerichtet. Das sogar teilweise ziemlich drastisch in Szene gesetzt. Für zartbesaitete dürften so einige Situationen nicht geeignet sein. Man merkt der Regisseurin Leigh Janiak ihre Horrorfilm Leidenschaft im Laufe der 90+ min tatsächlich deutlich an. Es bleibt zu hoffen, dass die Geschichte unverfälscht weitererzählt wird und auch nicht mit seinen Anspielungen geizt. Schließlich dürfte Fear Street – Teil 2: 1978 genügend Material für hochkarätige Klischees bieten. Ein Ferienlager in den 70ern? Also bitte, Jason lässt schon Lieb grüßen! Abgesehen davon lässt sich so mit verspielter Leichtigkeit auch die zweite R.L. Stine Romanreihe einbinden. Denn Jugendliche in Zeltlagern, da kennt sich der Autor aus. Oder erinnert sich tatsächlich niemand mehr an Camp Nightmare?

FAZIT:
Vielversprechender Auftakt, mit Hommage an 90’s Slasher und gutem Cast!

Die Geschichte von Fear Street – Teil 1:1994 spricht eine eigene Sprache und erzeugt ein undurchsichtiges Universum mit Querverweisen auf die 90er Popkultur und lieferte eine Hommage an Horrorklassiker. Vielleicht schafft man damit nicht unbedingt einen Meilenstein, aber immerhin ein abwechslungsreiches Filmerlebnis. Als Jemand wie ich, der aus nostalgischen Gründe immer noch alte Gänsehaut und Fear Street Romane im Regal lagert, ist das Film-Event trotz seiner Fehler ein Film-Highlight im Sommer!